Die Weltbevölkerung wird schrumpfen

Die Folgen werden von Land zu Land sehr verschieden sein

Seit der Pest im 14. Jahrhundert ist die Weltbevölkerung nie mehr geschrumpft. Doch schon in 50 Jahren könnte die Zahl der Menschen wieder abnehmen, allerdings nicht wegen eine Seuche sondern wegen der niedrigen Geburtenrate – einer Begleiterscheinung wachsenden Wohlstands.

„Wenn es nicht genug Menschen für die Erde gibt, dann gibt es definitiv nicht genug für den Mars“ schrieb Elon Musk, der Gründer der Raumfahrtfirma SpaceX, im Januar auf Twitter. [1] Musk sorgt sich, dass ein Rückgang der Weltbevölkerung seinen Traum von einer multiplanetaren Zivilisation verunmöglicht. Dass mag abwegig sein, aber dass die Weltbevölkerung schrumpfen wird, gilt mittlerweile als ziemlich sicher. Die UNO schätzt, dass im Jahr 2100 der Höhepunkt mit 10,9 Milliarden Menschen erreicht wird und die Bevölkerungszahl ab dann zurückgeht. Es könnte aber noch schneller gehen: Das International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA), ein Wiener Forschungsinstitut, geht davon aus, dass der Scheitelpunkt schon im Jahr 2070 bei 9,7 Milliarden Menschen liegt. [2]

Der Unterschied zwischen den beiden Prognosen rührt vom Einbezug des Bildungsniveaus in der IIASA-Rechnung her. Je länger Mädchen in die Schule gehen, desto später haben sie das erste Kind und desto eher haben sie weniger Kinder als ihre Mütter. Der zweite wesentliche Faktor für den Rückgang an Kindern pro Frau ist der Zugang zu Verhütungsmitteln. Eine bessere Gesundheitsversorgung inklusive der Möglichkeit zur Familienplanung reduziert die sogenannte Fertilitätsrate. Letztlich ist der globale Trend zu weniger Kindern also eine Begleiterscheinung von wachsendem Wohlstand auf der Welt. Dieser ermöglicht es Gesellschaften vom Zustand hoher Fertilität und geringer Lebenserwartung zu niedriger Fertilität und hoher Lebenserwartung zu wechseln.

Entscheidend. Die Zahl der Menschen hängt auch von der Schulbildung von Mädchen ab. (Foto: Pippa Ranger / DFID /  Flickr)
Entscheidend. Die Zahl der Menschen hängt auch von der Schulbildung von Mädchen ab. (Foto: Pippa Ranger / DFID / Flickr)

Diese „demografische Transition“ setzt immer früher ein. Während im 19. und 20. Jahrhundert Gesellschaften erst ein Pro-Kopf-Einkommen von 2700 Dollar erreichen mussten, bevor die Zahl der Kinder pro Frau sank, beginnt diese Transition seit 1990 schon bei 1500 Dollar. [3] Das Resultat ist ein markanter Rückgang der Fertilitätsrate: 1990 lag diese noch bei 3,2 Kindern pro Frau und heute bei 2,3 Kindern – ein Rückgang um mehr als ein Viertel in 30 Jahren. [6] Damit liegt diese Rate nur noch knapp über den 2,1 Kindern pro Frau, bei denen eine Gesellschaft eine stabile Bevölkerungszahl aufweist. Hinter dem weltweiten Durchschnitt verbergen sich allerdings große Unterschiede: Gemäß Weltbank haben Südkoreanerinnen nur 1,052 Kinder im Schnitt, während Frauen im Niger noch 6,824 Kinder haben. [7]

Gemäß dem deutschen Bundesamt für Bevölkerungsforschung (BiB) haben mittlerweile 24 Länder auf der Welt einen „Sterbeüberschuss“, da mehr Menschen sterben als geboren werden. [4] In sechs davon, darunter Deutschland, wächst die Bevölkerungszahl dank Einwanderung noch leicht, aber in den 18 anderen schrumpft sie bereits. Gemäß BiB wird die Zahl dieser Länder weiter zunehmen und „Bevölkerungsrückgänge werden für viele Länder in den nächsten Jahrzehnten eine ungekannte Realität darstellen“. Ob die Folgen dieser Entwicklung positiv oder negativ sind, hängt allerdings von vielen Faktoren ab. Das gelte etwa für die Belastung der Ökosysteme: „Weniger Menschen gehen mit einem geringeren ökologischen Fußabdruck einher – allerdings nur, wenn der Bevölkerungsrückgang nicht durch höheren Konsum pro Kopf kompensiert wird.“

Die Folgen für den Staatshaushalt sind ebenfalls nicht eindeutig zu bestimmen. Während die Ausgaben für das Gesundheitswesen und die Versorgung der alten Menschen steigen, fallen die Kosten des Schulsystems. Entscheidend ist wie sich das Verhältnis der Zahl an Kindern und Alten im Vergleich zur Erwerbsbevölkerung verändert, der „Abhängigenquotient“. Am höchsten ist dieser in Niger mit 110 Prozent. Dort gibt es mehr Kinder unter 15 als Menschen zwischen 15 und 64. In Deutschland liegt der Quotient bei 55 Prozent. Auf 100 potentiell Erwerbstätige kommen 22 Kinder und 34 ältere Menschen. [8] Die Folgen eines Anstiegs lassen sich allerdings politisch beeinflussen. Durch eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen, ein höheres Rentenalter und durch Einwanderung junger Erwachsener lässt sich die Erwerbsbevölkerung vergrößern.

Auch aus wirtschaftlicher Sicht sind die Folgen einer schrumpfenden Bevölkerung ambivalent: Ein Teil des Wirtschaftswachstums ist auf die Zunahme der Bevölkerungszahl zurückzuführen. Dieser Faktor wird bei einer schrumpfenden Bevölkerung negativ und belastet damit das Wachstum. Gleichzeitig dürften die Löhne steigen, weil weniger Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Aus Sicht der Firmen ist das allerdings der „Fachkräftemangel“, vor dem immer lauter gewarnt wird. Firmen können diesem jedoch durch Anwerbung von Mitarbeitern im Ausland, der Verlagerung von Produktionsschritten ins Ausland und durch Automatisierung begegnen. Exportorientierte Volkswirtschaften wie Deutschland werden sich schließlich stärker auf Afrika und den Nahen Osten konzentrieren müssen. Der Anteil dieser Länder an der Weltbevölkerung wird sich bis zum Jahr 2100 mehr als verdoppeln und erreicht 43 Prozent. [10 s. S. 6]

Ein Rückgang der Bevölkerung könnte schließlich auch politische Folgen haben. Dies gilt insbesondere für Länder, die nicht nur einen Sterbeüberschuss sondern auch einen negativen „Wanderungssaldo“ haben, wo mehr Menschen aus- als einwandern. Dies trifft etwa auf einige Länder in Ost- und Südeuropa zu. Litauen verliert jedes Jahr rund ein Prozent der Bevölkerung allein wegen dieses Wanderungssaldos. [9] Auch Polen, Rumänien, Bulgarien, Kroatien sowie Spanien und Portugal schrumpfen aus beiden Gründen. Aus Sicht des bulgarischen Politikwissenschaftlers Ivan Krastev erklärt das zum Teil die illiberalen Tendenzen in einigen Ländern Osteuropas. „Millionen von Menschen sind weggezogen, vor allem in den Westen, und die liberalen politischen Kräfte haben erheblich an Einfluss eingebüßt, da eine große Zahl ihrer Wähler zu denen gehört, die sich für die Abwanderung entschieden haben.“ [5]

Auch in der Geopolitik verschieben sich die Kräfte. Wegen der bis 2015 geltenden Ein-Kind-Politik wird die chinesische Bevölkerungszahl in den kommenden Jahren schnell schrumpfen. Hinzu kommt ein negativer Wanderungssaldo. Anders in den USA: Dort liegt die Fertilität zwar auch unter 2,1 Kindern pro Frau, aber die USA haben relativ viele Zuwanderer. Während China heute noch viermal so viele Einwohner hat wie die USA, ist China am Ende des Jahrhunderts nur noch gut doppelt so groß wie der Rivale. [10 s. S. 12]

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[1] Elon Musk, 19.01.2022: Tweet

[2] BiB, 2021: Globale Bevölkerungsentwicklung (PDF)

[3] Economist, 11.12.2021: Why the demographic transition is speeding up

[4] BIB, 2021: Bevölkerungsrückgang als globale Herausforderung (PDF)

[5] FT, 27.01.2020: Depopulation is Eastern Europe’s biggest problem

[6] IISD, 18.08.2021: 2021 Population Data Sheet Highlights Declining Fertility Rates

[7] Weltbank, Stand 26.01.2022: Fertilitätsraten

[8] CIA, Stand 26.01.2022: Abhängigenquotienten

[9] UN, Stand 26.01.2022: Wanderungssalden

[10] UN, 2019: World Population Prospects 2019 (PDF)